Quintonic Brass zu Gast in Groß-Felda

Auf Einladung des evangelischen Posaunenchores Groß-Felda wird die Gruppe Quintonic die diesjährige Abendmusik im Advent musikalisch gestalten. Die Veranstaltung findet am Samstag, den 26. November statt. Konzertbeginn ist 19 Uhr in der evangelischen Kirche zu Groß-Felda

 von Ralph Philipp Ziegler

Man müßte sie eigentlich ich einer noblen Hotelbar fotografieren: Ein paar exquisite Drinks, sündhaft teure Zigarre, ein bißchen James-Bond-Flair. Denn die fünf Herren haben Stil. "Quint Tonic". Spezialität des Hauses. Star des Abends. Schillernd. Gleißend. Mit Esprit. Spot an. Licht aus.

Erwartungsvolle Stille.

Was dann so genau passiert, läßt sich so genau gar nicht vorhersagen. Außer vielleicht, daß es das gewisse "Etwas" haben wird. Und gut sein wird. Spannend gemixt und prickelnd gespielt. "Quint Tonic" eben. Let them entertain you. Und genieße erst-klassik-e Klassik. Smart. Mit Drive. Cool. "Quint Tonic" eben.

Keine peniblen Akademiker mit dem Hang zum keimfreien Noten-Werk. Keine quirligen Musik-Clowns, die die Akrobatik von den Ventilmaschinen ins Comedy-Repertoire verlagern. Schon irgendwie Kammermusiker, die sich nicht in den Party-Sparten des Repertoires den Dispens vom sauberen Spielen holen wollen. Stattdessen legen sich die Herren schon mal partiturgetreu virtuose Orchester-Schinken des späten 19. Jahrhunderts auf die Pulte. Schwere. So virtuose und komplexe, daß man sie gemeinhin mit einem Blechbläserquintett ungefähr so eng in Verbindung bringen würde wie ein Spiegelei oder eine Straßenlampe.

Wenn es nicht klappen würde, läge es nicht jetzt auf dem ersten Silberscheibchen der Formation vor Ihnen. "Quint Tonic" sind schließlich Profis. Gönnen Sie sich mal Track 15: "Fossiles" aus dem "Karneval der Tiere". Es werden Ihnen die Ohren übergehen! Und siehe da: Kaum funktioniert der französische Spätromantiker, da greift man schon nach Richard Strauss' "Till Eulenspiegel". Aber das ist eine andere Geschichte, würde man bei Michael Ende sagen. Sie werden bestimmt noch davon hören. Es sei denn, Sie interessieren sich in Zukunft nicht mehr für Musik.

Wer "Quint Tonic" heißt, der hat natürlich nicht nur ein ganzes Sinfonieorchester mit einer Prise Wagner und einer großen Portion Saint-Saens in den fünf Instrumentenkoffern, sondern auch die richtige Dosis musikalischen Lifestyle, um im Revue-Palast des Lebens bestehen zu können. Big-Band? Caféhausorchester? UFA-Film? Haben wir. Darf's ein bißchen mehr sein? Die Regale sind voll. Und die Auswahl klasse.

Keine philharmonische Narrenkappe auf dem Kopf, aber trotzdem witzig? Irgendwie schon. Schon sehr. Charme haben sie ja sowieso (Herren! Aufgepaßt, wenn die Damen "nur mal eben ins Konzert" wollen – am eigenen Imageschaden werden Sie wochenlang zu kauen haben), und richtig spaßig werden kann's auch. Also, mit Lachen, versteht sich. Nicht bloß mit zurückhaltendem Genießerkichern.

 

Wer sind das denn jetzt? Na gut. Es sind Jan Esch, Trompete. Matthias Bauer, Trompete. Michael Nassauer, Horn. Thomas Wanner, Posaune. Albert Wanner, Tuba. So steht's in der Ensemble-Liste. Treu klassischem Instrumenten-Code.

Was sagt uns das? Ist Jan Esch eine Trompete? Albert Wanner eine Tuba? Von der Statur könnte man's ja fast meinen. Obwohl, wenn Albert die Tuba mal ein Tönchen weit ins Rustikale wendet und einem Baßgang ein glucksendes bißchen locker polkamäßigen Pep gibt, ahnt man zwar, daß da ein Conaisseur am Werk ist. Würde aber den erfahrenen Weinkenner und –sammler klanglich doch vielleicht eher in der Gerstensaft-Fraktion einordnen. Da gibt's ja schließlich auch exquisite Spezialitäten. Wenn seine Sensibilität zum Programm dann schon mal dafür sorgt, daß er über dem sonoren pianissimo seiner weitgereisten Tuba bei Engelbert Humperdincks zuckersüßem "Abendsegen" selig einschlummert, dann ist sein jüngerer Bruder Thomas am Zuge. Was Albert sammelt, trinkt Thomas weg. Und die Spezialitäten aus dem Weinkeller runden im Zusammenklang mit mancher guten Musikereigenschaft den Posaunen-Sound zum messingenen Heldentenor, der schon mal der "Gralserzählung" aus "Lohengrin" samtig warmes und weit weniger blechernes Timbre gibt als mancher hoch bezahlte Meistersinger. Aber selbst singt Thomas ausschließlich in der Badewanne, und von den Glückseligkeiten aus dem Titel von Johann Strauß Juniors großem Walzer op.333 würde er den "Gesang" am sorglosesten drangeben.

Jan Esch, bekennender Nordfriese und einziger echter Norddeutscher des Hauses, hat herkunftsgemäß seine Ruhe mit einem echten schönen alten Fachwerkhäuschen gefunden. Eigentlich aber vor allem mit Dagmar, seiner Gattin. Denn die Zahl der vorherigen Wohnstätten steht weit zurück gegenüber der, die ihm das übrige Quartett recht gern an Liebschaften anhängen wollte. Wahrscheinlich ist das aber alles nur Neid, wenngleich – wir erwähnten es bereits – das gesamte Ensemble sich ob angenehmster Gesellschaft nicht zu beklagen hat. Ist Jan jetzt persönlich brav, trompeterisch ist er bei "Quint Tonic" für die fiesen Klangspritzer in extremsten Höhen und die brillantesten Soli an der Tromba prima zuständig. Und die sind zeitweise äußerst unbrav. Zum Besten dessen, was Sie zu hören bekommen, versteht sich...

Michael Nassauer hat dagegen den Kick des Verrückten schon von Berufs wegen im Blut: Schließlich ist er Hornist. Allerdings hat er seine Strategien für den Tanz auf dem Ton-Seil mittlerweile gefunden: Er schläft einfach bis 30 Minuten vor dem Konzert. Absprachen werden ihm dann von den Kollegen zur Linken und zur Rechten kurzfristig während des Konzertablaufes mitgeteilt. Dafür verfügen Quintett wie Orchester über einen der weltweit wenigen Hornisten, bei denen nicht schon die Türklingel kiekst, wenn der freundliche Besucher Einlaß zum Hornisten-Heim begehrt und dem auch über den sauberen Ton hinaus noch so manche blechbläserische Stunts glücken.

Matthias Bauer, aus dem gemütvollen Land jenseits des Weißwurst-Äquators nach Westfalen entkommen (über den Garten der hessischen Botschaft in München, sagt man), ist gegen die Performance am Horn ohne doppelten Boden der Schreibtischhengst von "Quint Tonic". Klar, Matthias spielt AUCH Trompete, und zwar ebenfalls SEHR GUT. Sonst dürfte er gar nicht mitspielen. Aber am Schreibtisch begeht er eben zahllose Untaten, die seine Kollegen dann musikalisch lustvoll ausbaden dürfen. Nämlich einen Großteil der Arrangements , die zwischen der Hege und Pflege zweier Kinder sowie der herkunftbezogen unvermeidlichen Leidenschaft zur Komposition volkstümlicher Blasmusik auf winzigen Zettelchen entstehen. Was eben das Haus so bietet, zwischen Einkaufszetteln und perforiert dreilagigem ..., naja.

Fast unglaublich, wie brillant das ist, was der zweite Trompeter und sein Vater Willi (immerhin einstiger Solotrompeter am Sinfonieorchester des Bayrischen Rundfunks) dann auf eben dieses Papier bringen. Aber es packt tatsächlich den ganzen Bayreuther Orchestergraben, ein vollausstaffiertes Broadwaytheater und den Skurillitäten-Setzkasten aus Camille Saint-Saens' Komponistenhirn in fünf kleine Notenzeilen. Unglaublich, aber "Quint Tonic".

So, und jetzt stehen unsere fünf Herren also an der Bar. Was werden sie bestellen? "Monteverdi on the Rocks", ordert Jan. Eine schlanke, durchsichtige Mischung aus dem Italien des 16hundertwende. Eine glänzende Wahl. Straight und federnd. Flüssiges Hors d' Euvre zur Marien-Vesper gewissermaßen.

Albert ordert sodenn bereits den ersten Hauptgang, ab ins Fünf-Blechsterne-Restaurant: "Steak á la Richard Bayreuthienne", medium. Wieso eigentlich nicht "well done"? Na ja: Eben noch so richtig im Saft. Muß ja schließlich auch sein, denn die Partituren von "Tannhäuser" und "Lohengrin", das ist ja Wagner in seinen besten Jahren (im Durchschnittsalter von "Quint Tonic"...), und zur bewährten Zubereitung bedarf es eben genau so viel Delikatesse wie den Hang zum Durchgreifen, den man fünf gestandenen Blechbläsern ja kaum absprechen wird.

Der Feinschmecker des Quintetts zeigt sich zufrieden, der Garcôn trägt besten Mutes den zweiten Hauptgang auf , von Michael neugierig geordert: Die Platte der 14 Kostbarkeiten. Vom chinesischen Küchenchef Kam Il Seng Song zubereitet, und zwar perfekt. Die Karte ist natürlich auf Französisch abgefaßt: "Les Carnival des Animaux, Camille Saint-Saens", heißt das Ganze da. Es sind die filigransten Köstlichkeiten aus fünf messingenen Spezialitätentöpfen der Blech-Küche, die das kristalline Partitur-Kochbuch von anno 1886 mit gerade mal einer Hand voll von Zutaten zu so lockerem wie charakterstarkem Klingen bringen. Perfekt abgeschmeckt. Für Gourmets eben.

Thomas ist noch nicht satt. Noch nicht mal für den Nachtisch bereit. Da muß noch was her, was mit Schmackes , aber nicht zu roh, vielleicht ein bißchen flambiert, ja, und was Spaß macht... Na ja. Der Küchenchef indes, alles andere als ratlos, hebt die Silberglocke über der "52nd Street"-Platte. Waow! Alles da. Geschmackvoll und trotzdem mit musikalischem Gaumenkitzel. Mit Drive, aber würzig. Erste Sahne. Ein fulminantes Finale für die Hauptgänge.

Das Dessert musicale wurde, zugegebenermaßen, vorbestellt. Es ist nämlich nach altem Familienrezept der berühmten Blechbläserfamilie Bauer in München zubereitet, das Matthias großmütig der Küche des Hauses zur Verfügung gestellt hat. Es hat ein feines Wiener Finish, aber weniger so richtig satten Schlagobers, sondern einen Hauch von Caféhausduft obendrauf. Und schmeckt so richtig herrlich nach den Goldenen Zwanzigern. Grüner Kaktus mit Vanillesauce. Ein Häppchen für die Elisabeth mit den schönen Beinen, eines für den Hans, der da mit dem Knie, na ja, und vor allem eins für einen Freund, einen guten Freund: Denn der ist das beste, was es gibt auf der Welt. Köstlichkeiten, die man aus Schwarzweißfilm und Grammophontrichter kennt.

Und wenn der letzte Ton verklingt, und wir den Tonarm abnehmen und auf die Stütze legen, wird uns bewußt, daß wir zwar alles hatten, was wir wollten, aber es morgen gleich wieder genießen könnten.

Einen "Quint Tonic" bitte! Oder besser gleich fünf...

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